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Morbus Behçet
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Der Morbus Behçet (tĂŒrkische Aussprache: âbeHtschettâ (hörbares âhâ), auch Behçet-Krankheit, Morbus Adamantiades-Behçet (ABD) oder maligne Aphthose genannt) ist eine systemische, autoimmune EntzĂŒndung der BlutgefĂ€Ăe (Vaskulitis). Sie gehört damit zum Rheumatischen Formenkreis. Es sind vor allem kleine Venen und Kapillaren betroffen, grundsĂ€tzlich können aber alle BlutgefĂ€Ăe jeder GröĂe befallen werden. Da die EntzĂŒndungen in jedem Organsystem auftreten können, ist beim Morbus Behçet ein breites Spektrum an Symptomen möglich. Als typisch gelten die Kombination von Aphthen im Mund und im Intimbereich sowie EntzĂŒndungen von Strukturen des Auges. Das Hauptziel der Therapie ist die Verhinderung von FolgeschĂ€den, die insbesondere bei Beteiligung der Augen, des Gehirns und groĂer GefĂ€Ăe schwerwiegend sein können. Dazu wird mit Immunsuppressiva die AktivitĂ€t des Immunsystems gedĂ€mpft.
Die Ursache der Erkrankung ist nicht bekannt. Nach dem heutigen Erkenntnisstand fĂŒhrt bei bestimmten genetischen Voraussetzungen (insbesondere das Vorliegen des HLA-Typs B51) der Kontakt mit einem Ă€uĂeren Faktor (zum Beispiel der Kontakt mit einem Virus oder Bakterium) zu einer Ăberreaktion des Immunsystems und zu einer unkontrollierten EntzĂŒndung. Die Krankheit tritt vor allem in den LĂ€ndern der historischen SeidenstraĂe auf, ist durch Migration aber auch in Europa und Nordamerika hĂ€ufiger anzutreffen. Das GeschlechterverhĂ€ltnis der Erkrankten ist regional unterschiedlich. Der Erkrankungsgipfel liegt weltweit zwischen 20 und 40 Jahren. Die Krankheit verlĂ€uft wellenförmig mit Phasen stĂ€rkerer und schwĂ€cherer AktivitĂ€t, klingt aber im Allgemeinen mit zunehmender Erkrankungsdauer ab.
Benannt ist die Erkrankung nach dem tĂŒrkischen Hautarzt Hulusi Behçet (1889â1948) und dem griechischen Augenarzt Benediktos Adamantiades (1875â1962), die die Symptome der Erkrankung unabhĂ€ngig voneinander in den 1930er-Jahren beschrieben.
Contents
âą Verbreitung
âą Ursachen
âą Symptome
âą Augenbeteiligung
âą Hautbeteiligung
âą Nervensystem
âą Andere Symptome
âą Diagnose
âą Therapie
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Verbreitung
Der Morbus Behçet ist vor allem entlang der SeidenstraĂe im Nahen und Mittleren Osten sowie in Ostasien verbreitet. Durch Migration tritt die Krankheit auch in Europa und Nordamerika hĂ€ufiger auf. FĂŒr die einzelnen LĂ€nder gibt es unterschiedliche Angaben zur HĂ€ufigkeit. Das Land mit der höchsten PrĂ€valenz ist die TĂŒrkei mit 20 bis an manchen Orten 420 Erkrankten auf 100.000 Einwohner. In Iran liegt die PrĂ€valenz bei 17â68 pro 100.000, in Japan bei 7â14 pro 100.000. FĂŒr Deutschland finden sich Angaben zwischen 0,6 und 1,5 auf 100.000 Einwohner.cite-ref-1[1] Bei Studien an Migranten ergaben sich folgende Befunde: Armenier, die in Istanbul leben, haben ein deutlich niedrigeres Erkrankungsrisiko als die Allgemeinbevölkerung der TĂŒrkei. In Deutschland lebende TĂŒrken haben ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko als die deutsche Allgemeinbevölkerung, die PrĂ€valenz unter den in Deutschland lebenden TĂŒrken ist aber geringer als die PrĂ€valenz in der TĂŒrkei.cite-ref-hochberg2015-2-0[2]
Das GeschlechterverhĂ€ltnis unterscheidet sich regional. In einigen LĂ€ndern sind Frauen hĂ€ufiger betroffen, besonders deutlich ist der Unterschied in Schottland, den Vereinigten Staaten und in Spanien. Auch in Israel, Schweden, Korea und Japan ĂŒberwiegen die Frauen. Zu den LĂ€ndern, in denen MĂ€nner hĂ€ufiger betroffen sind, gehören unter anderem die TĂŒrkei (allerdings ist hier der Ăberhang nur leicht), Deutschland, Italien, Frankreich und Iran. Sehr stark ist der Unterschied im Irak, in Saudi-Arabien, Russland und Kuwait.cite-ref-davatchi2014-3-0[3]
Das mittlere Erkrankungsalter liegt in den meisten LĂ€ndern in der dritten Lebensdekade. Die Spanne liegt zwischen 20 Jahren in Irland und 40 Jahren in Brasilien. In der TĂŒrkei und in Deutschland liegt das mittlere Erkrankungsalter bei 25 bis 26 Jahren. In den USA und den asiatischen LĂ€ndern erkranken die Patienten im Alter von ĂŒber 30 Jahren.cite-ref-davatchi2014-3-1[3]
Ursachen
Als Ursachen der Krankheitsentstehung (Ătiologie) können genetische Voraussetzungen und Umweltfaktoren angenommen werden, was sich insbesondere aus den Erkenntnissen der Studien an Personen mit Migrationsgeschichte ableitet. Eine Möglichkeit, Genvarianten zu identifizieren, die mit der Krankheit in Verbindung stehen (assoziiert sind), sind Genomweite Assoziationsstudien.
Human Leukocyte Antigen (HLA) ist die Bezeichnung fĂŒr Proteine, die auf der OberflĂ€che von Zellen sitzen und dem Immunsystem Teile anderer in der Zelle produzierter Proteine prĂ€sentieren. Entsprechen die prĂ€sentierten Teile nicht dem ĂŒblichen Bauplan, erkennt das Immunsystem dies als âfremdâ und greift die Zelle an. Von den HLA-Proteinen existieren viele Varianten, von denen manche mit der Entstehung von Autoimmunerkrankungen in Verbindung stehen. Der stĂ€rkste Zusammenhang besteht beim Morbus Behçet zum HLA-B51. Dieser HLA-Typ findet sich bei bis zu 60 % der Erkrankten.cite-ref-4[4] Daneben wurden weitere HLA-Typen und Varianten von Genen, die fĂŒr die Funktion des Immunsystems wichtig sind, identifiziert. Unter ihnen ist auch das Gen fĂŒr Interleukin-10, ein anti-entzĂŒndlicher Botenstoff, und der Rezeptor fĂŒr Interleukin 23.cite-ref-hochberg2015-1328-5-0[5]
Bislang konnte kein infektiöser Auslöser nachgewiesen werden. Diskutiert wurden Streptococcus sanguis, Herpes-simplex-Viren, das Epstein-Barr-Virus und Cytomegalieviren. Es konnte nachgewiesen werden, dass das Immunsystem von Behçet-Patienten stÀrker auf Antigene von Streptococcus sanguis reagiert, aber eine direkte Verbindung zur Krankheit konnte nicht gezeigt werden.cite-ref-hochberg2015-1328-5-1[5]
Pathologie und Krankheitsentstehung
In der mikroskopischen Untersuchung erkrankter BlutgefĂ€Ăe zeigt sich das Bild einer sogenannten leukozytoklastischen Vaskulitis. Das bedeutet, dass Leukozyten (weiĂe Blutkörperchen, die Immunzellen) in das Gewebe einwandern und dieses zerstören.cite-ref-6[6] Die Leukozyten-Typen, die dabei gefunden werden, sind je nach GefĂ€Ăart unterschiedlich. Es finden sich hĂ€ufig diffuse Nekrosen und Transsudate in den entzĂŒndeten GefĂ€ĂwĂ€nden. Im umliegenden Gewebe zeigen sich Ădeme und Ansammlungen von Makrophagen.cite-ref-zeidan2016-7-0[7]
Es gibt noch kein schlĂŒssiges Modell der Krankheitsentstehung. Es ist gesichert, dass beide Anteile des Immunsystems an den Krankheitsprozessen beteiligt sind, denn es finden sich Anzeichen der angeborenen und der erworbenen Immunantwort. Wahrscheinlich ist die Krankheit durch T-Helferzellen vermittelt, die dem adaptiven Immunsystem zuzuordnen sind. Diesen Immunzellen werden von anderen Zellen Antigene prĂ€sentiert. Ihre Aufgabe ist es, zu entscheiden, ob es sich dabei um âfremdeâ Antigene handelt und ob eine Immunantwort eingeleitet wird. Bei Behçet-Patienten mit ihren entsprechenden genetischen Voraussetzungen reagieren die TH1-Lymphozyten (ein Typ der T-Helferzellen, der das angeborene Immunsystem aktiviert) zu stark auf eine Aktivierung. Dabei setzen sie eine sich selbst aufrechterhaltende Signalkaskade in Gang, die zu einer unkontrollierten Antwort des angeborenen Immunsystems fĂŒhrt.cite-ref-zeidan2016-7-1[7]cite-ref-k-tter2012-8-0[8]
Die Einordnung des Morbus Behçet ist nicht einfach: Als Autoimmunerkrankung (wie zum Beispiel der Morbus Basedow) gilt er nicht, da bislang kein gegen körpereigene Strukturen gerichteter Autoantikörper bekannt ist. Den autoinflammatorischen Krankheiten (wie das familiĂ€re Mittelmeerfieber) ist er auch nicht zuzuordnen. Hier wĂ€re das angeborene Immunsystem der Verursacher, aber die typischen genetischen Voraussetzungen und Symptome wie wiederkehrende FieberschĂŒbe fehlen.cite-ref-k-tter2012-8-1[8]
Symptome
| Manifestationsort | HĂ€ufigkeit in Prozent |
|---|---|
| Orale Aphthen | 47â86 |
| Genitale Aphthen | 57â93 |
| Auge | 30â70 |
| Haut | 38â99 |
| Gelenke | 45â60 |
| Herz-Kreislauf-System | 7â49 |
| Nervensystem | 5â10 |
| Magen-Darm-Trakt | 3â26 |
Da es sich beim Morbus Behçet um eine Systemerkrankung handelt, die potentiell jedes Organsystem betreffen kann, ist das klinische Bild sehr variabel. Als typisch fĂŒr die Erkrankung gilt die Trias (das Auftreten von drei Symptomen) aus Aphthen im Mund und im Intimbereich sowie einer Uveitis.cite-ref-zeidan-9-1[9]
Orale und genitale GeschwĂŒre
Das hĂ€ufigste FrĂŒhsymptom des Morbus Behçet sind wiederkehrende Aphthen im Mund. Sie werden bei allen Patienten im Krankheitsverlauf beobachtet. Sie treten einzeln oder gehĂ€uft auf und betreffen meistens die Wangenschleimhaut, das Zahnfleisch, die Lippen und die Zunge. Gaumen und Rachen sind seltener betroffen. Kleinere Aphthen (<1 cm Durchmesser) heilen in der Regel innerhalb von 4 bis 14 Tagen ab, gröĂere brauchen lĂ€nger.cite-ref-zeidan-9-2[9]
GeschwĂŒre im Intimbereich sind ebenfalls hĂ€ufig. Sie sind in der Regel tiefer und schmerzhafter als die oralen Aphthen und heilen mit Narbenbildung ab. Bei Frauen treten sie an der Vulva, in der Vagina und am GebĂ€rmutterhals auf. Bei MĂ€nnern vor allem am Hodensack, der Penis ist nur selten betroffen. Bei beiden Geschlechtern können die GeschwĂŒre am Damm, rund um den Anus oder in der Leistenregion auftreten.cite-ref-zeidan-9-3[9]
Augenbeteiligung
Bei rund 10 % der Patienten ist ein Auge das erste betroffene Organ. Das Spektrum der Manifestationen ist weit: Typischerweise treten Uveitiden auf, deren Ă€uĂeres Merkmal oft eine Eiteransammlung in der vorderen Augenkammer (Hypopyon) ist. AuĂerdem können unter anderem EntzĂŒndungen der Netzhaut, der Skleren, der Hornhaut und des Sehnerven auftreten. Als Beschwerden können beispielsweise Schmerzen der Augen, EinschrĂ€nkungen der SehfĂ€higkeit, Lichtscheu und verstĂ€rkter TrĂ€nenfluss bestehen. Generell ist eine Augenbeteiligung eher bei MĂ€nnern zu finden und mit einem schwereren Krankheitsverlauf assoziiert.cite-ref-zeidan-9-4[9]cite-ref-10[10]
Hautbeteiligung
Der Befall der Haut kann sich Ă€uĂern in papelartigen VerĂ€nderungen, Erythema-nodosum-artigen LĂ€sionen, akneiforme AusschlĂ€gen, Pyoderma gangraenosum oder seltener in Erythema-multiforme-artigen AusschlĂ€gen. Unter Pathergie versteht man eine HyperreaktivitĂ€t der Haut. Diese reagiert auf kleine Verletzungen wie Nadelstiche zeitverzögert mit einem papulopustulösen Ausschlag. Dieses PhĂ€nomen kann zur Diagnostik herangezogen werden, tritt aber nicht nur beim Morbus Behçet auf.cite-ref-nair2-11-0[11]
Gelenkbeteiligung
45 bis 60 % der Patienten haben Manifestationen an den Gelenken. Dabei treten Gelenkschmerzen auf oder EntzĂŒndungen eines oder mehrerer Gelenke. Ăblicherweise sind Knie, Knöchel, Ellbogen und Handgelenke betroffen. Die EntzĂŒndungen sind nicht gelenkzerstörend.cite-ref-zeidan-9-5[9] Im Krankheitsverlauf kann sich vor allem bei Frauen ein Fibromyalgiesyndrom entwickeln. In manchen Studien wurden auch EntzĂŒndungen des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks und eine ankylosierende Spondylitis bei Behçet-Patienten gefunden.cite-ref-12[12] In FachbĂŒchern werden diese Symptome aber nicht zu den Behçet-Manifestationen gezĂ€hlt.cite-ref-13[13]
Beteiligung des Herz-Kreislauf-Systems
Da der Morbus Behçet eine EntzĂŒndung der GefĂ€Ăe ist, entstehen auch an diesen direkte SchĂ€den. Venen sind die am hĂ€ufigsten betroffenen BlutgefĂ€Ăe. Ihre EntzĂŒndung (Phlebitis) verursacht hĂ€ufig die Bildung von Blutgerinnseln. Je nach Lage der entzĂŒndeten Venen zeigen sich Thrombophlebitiden (bei oberflĂ€chlichen Venen) oder tiefe Venenthrombosen (in den tief liegenden Venen der Arme und Beine). Selten treten Thrombosen in den Hohlvenen, im Durasinus oder in den Lebervenen auf.
Eine Erkrankung der Arterien ist seltener und eher bei MĂ€nnern anzutreffen. Sie verursacht Aussackungen der ArterienwĂ€nde (Aneurysmen), GefĂ€Ăverengungen und ebenfalls Thrombosen.cite-ref-nair-14-0[14] Eingerissene Aneurysmen verursachen Blutungen, die je nach Ort schwere Folgen haben können (beispielsweise bei Aussackungen an den Lungenarterien, die allerdings sehr selten sind).cite-ref-zeidan-9-6[9]
Die Erkrankung kann auch das Herz direkt betreffen, dies ist allerdings selten. Manifestationen umfassen neben der SchĂ€digung der HerzkranzgefĂ€Ăe auch EntzĂŒndungen des Herzbeutels (Perikarditis), des Herzmuskels (Myokarditis) und der Herzinnenhaut (Endokarditis) sowie SchĂ€digungen der Herzklappen.cite-ref-nair-14-1[14]
Nervensystem
Bei rund 10 % der Patienten entwickelt sich einige Jahre nach Beginn der Erkrankung eine Erkrankung des Nervensystems, die auch Neuro-Behçet genannt wird. Sie betrifft in der Regel das Zentralnervensystem und nur selten das periphere Nervensystem. Ăblicherweise wird der Neuro-Behçet in zwei Formen eingeteilt: die parenchymale und die nicht-parenchymale Form. Die parenchymale Form ist keine EntzĂŒndung der BlutgefĂ€Ăe, sondern des Hirngewebes um die BlutgefĂ€Ăe herum (eine sogenannte Perivaskulitis). Die nicht-parenchymale Form ist dagegen die EntzĂŒndung der BlutgefĂ€Ăe des Gehirns (also die dem Morbus Behçet zugrundeliegende Vaskulitis). Der ĂŒberwiegende Teil der Patienten mit Neuro-Behçet leidet an der parenchymalen Form. Sie prĂ€sentiert sich als Meningoenzephalitis (also eine EntzĂŒndung von Gehirn und HirnhĂ€uten) mit MigrĂ€ne-Ă€hnlichen Kopfschmerzen. Sie trifft oft den Hirnstamm und die Basalganglien. Möglich sind motorische, sensible und kognitive EinschrĂ€nkungen (wie Konzentrationsstörungen). Die Folgen der nicht-parenchymalen Form umfassen Thrombosen in den Durasinus und Hirnvenen, Aneurysmen der Arterien und erhöhten Hirndruck. IschĂ€mische SchlaganfĂ€lle sind selten. Typischerweise entwickelt sich ein Neuro-Behçet bei MĂ€nnern und geht mit einer Phase erhöhter KrankheitsaktivitĂ€t einher.cite-ref-15[15]
Gastrointestinale Beteiligung
EntzĂŒndungen des Magen-Darm-Trakts sind vor allem bei Patienten in Japan zu beobachten, in den anderen Regionen der Welt sind sie eine seltenere Manifestation des Morbus Behçet. GeschwĂŒre können im gesamten Magen-Darm-Trakt auftreten. Am hĂ€ufigsten entstehen sie im Endabschnitt des DĂŒnndarms (Ileum, Ileitis) und im Blinddarm (Coecum). Anzeichen fĂŒr eine Beteiligung des Magen-Darm-Trakts sind Bauchschmerzen, Appetitverlust, Erbrechen, Durchfall und Teerstuhl. Selten brechen die GeschwĂŒre durch (Perforation).cite-ref-zeidan-9-7[9]
Andere Symptome
Bei MĂ€nnern können auch NebenhodenentzĂŒndungen Zeichen der Erkrankung sein. Selten sind die Nieren in Form einer Glomerulonephritis oder einer Amyloidose betroffen. Bei Beteiligung der Harnblase treten Blasenentleerungsstörungen auf. Bei einigen Patienten wurden wiederkehrende KnorpelentzĂŒndungen in Verbindung mit anderen Behçet-Symptomen beschrieben (MAGIC-Syndrom: EntzĂŒndungen des Knorpels der Nase und der Ohrmuscheln mit oralen und genitalen Aphthen).cite-ref-16[16]
Diagnose
Die Diagnosestellung wird durch das breite Spektrum möglicher Symptome, die variable PrĂ€sentation der Krankheit und das Fehlen von Biomarkern erschwert. Die Diagnose muss daher nach klinischen Symptomen bei gleichzeitigem Ausschluss anderer möglicher Ursachen erfolgen. Es sind drei Klassifikationssysteme in Gebrauch. Das Ă€lteste sind die Kriterien der International Study Group von 1990. In diesem System mĂŒssen das Hauptsymptom der oralen Aphthen und zwei Nebensymptome (genitale Aphthen, Augen- oder Hautsymptome oder eine Pathergie-Reaktion nach Injektion von 0,5 ml Kochsalzlösung in die Haut) erfĂŒllt sein. 2006 wurden die International Criteria for Behçetâs Disease (ICBD) publiziert, die 2014 ĂŒberarbeitet wurden. Darin ist jedem Symptom ein Punktwert zugeordnet. Die Punktwerte der aufgetretenen Symptome werden addiert, bei Erreichen eines bestimmten Punktwertes kann das Vorliegen des Morbus Behçet angenommen werden.cite-ref-nair2-11-1[11]cite-ref-17[17] Pathognomonisch ist das kutane PathergiephĂ€nomen, bei dem auftretende Pusteln im Schub an der Injektionsstelle einer 0,9-prozentigen NaCl-Lösung auftreten.cite-ref-zahn-18-0[18] Der Test wird sowohl kutan (an der Innenseite eines Unterarms) als auch oral (an der Innenseite der Unterlippe) durchgefĂŒhrt.
Differentialdiagnose
Unter Differenzialdiagnosen werden Krankheiten verstanden, die ein Ă€hnliches Beschwerdebild zeigen und daher im Diagnoseprozess ausgeschlossen werden mĂŒssen. Bei Morbus Behçet sind dies vor allem andere rheumatische Systemerkrankungen wie Vaskulitiden, Systemischer Lupus erythematodes und Sarkoidose. FĂŒr die einzelnen Manifestationsformen kommen unterschiedliche Krankheiten differenzialdiagnostisch in Frage:cite-ref-hochberg2015-1331-19-0[19]
âą Die oralen Aphthen des Morbus Behçet mĂŒssen von einer schweren Verlaufsform der benignen Aphthose, mit zwar ebenso schmerzhaften, aber harmlosen Aphthen ohne systemische Erkrankung, abgegrenzt werden, der Aphthosis vom Typ Mikulicz, vom Typ Sutton und vom Typ Cooke.cite-ref-20[20] AuĂerdem können Infektionen mit Herpes simplex oralis und Aphthen aufgrund von MangelzustĂ€nden (wie sie bei Zöliakie oder chronischen Darmerkrankungen auftreten können) in Betracht kommen.
âą Bei genitalen Aphthen können sexuell ĂŒbertragbare Erkrankungen ursĂ€chlich sein.
⹠Die Augenbeteiligung in Form der Uveitis kann zahlreiche andere Ursachen haben, unter ihnen Infektionen mit Viren, Bakterien und Pilzen, oder Symptom einer anderen systemischen Erkrankung sein (siehe Uveitis: SekundÀre Formen)
âą Bei Befall des Verdauungssystems muss vor allem Morbus Crohn ausgeschlossen werden.
⹠Der Neuro-Behçet muss von der Multiplen Sklerose abgegrenzt werden.
âą Manifestationen am Skelettsystem mĂŒssen von anderen Gelenkerkrankungen unterschieden werden: Ankylosierende Spondylitis, Rheumatoide Arthritis ohne Erhöhung der typischen Laborparameter (seronegative Arthritis) und die Psoriasisarthritis (ebenfalls eine seronegative Arthritis).
⹠Das Hughes-Stovin-Syndrom ist eine Erkrankung, die mit Thrombosen und Aneurysmen der Lungenarterien einhergeht. Es ist allerdings unklar, ob es sich um eine eigenstÀndige Krankheit handelt oder eine AusprÀgung des Morbus Behçet.
In westlichen LÀndern sind der Morbus Crohn und die seronegativen Arthritiden die Haupt-Differentialdiagnosen des Morbus Behçet. Insbesondere wenn nur eine Manifestationsform vorliegt, kann die Unterscheidung unmöglich sein.cite-ref-hochberg2015-1331-19-1[19]
Verlauf und Prognose
Die Krankheit hat einen wellenförmigen Verlauf mit Phasen zu- und abnehmender KrankheitsaktivitÀt. GrundsÀtzlich klingt sie mit zunehmender Erkrankungsdauer ab.cite-ref-hochberg2015-2-1[2]
Viele Behçet-Manifestationen heilen ohne bleibende SchĂ€den ab.cite-ref-21[21] MĂ€nner und in jungen Jahren Erkrankte haben schwerere VerlĂ€ufe und eine höhere Sterblichkeit. Die höchste Sterblichkeitsrate haben demnach junge MĂ€nner, die zwischen 14 und 24 Jahren diagnostiziert wurden. Mit der Zeit sinkt aber auch ihre Sterblichkeit. Haupttodesursachen sind der Neuro-Behçet, die gastro-intestinale Beteiligung sowie Aneurysmen der Lungenarterien, die bei jedem fĂŒnften davon Betroffenen innerhalb von fĂŒnf Jahren zum Tod fĂŒhren (5-Jahres-MortalitĂ€t 20 %). Auch VerschlĂŒsse der Lebervenen, das Budd-Chiari-Syndrom, haben eine schlechte Prognose.cite-ref-hochberg2015-1331-19-2[19] Die Augenbeteiligung geht mit einem hohen Risiko fĂŒr Erblindung einher â rund 25 bis 50 % der betroffenen Patienten verlieren ihr Sehvermögen. Insgesamt aber hat sich die Prognose, vor allem das Erblindungsrisiko, in den letzten Jahren deutlich verbessert.cite-ref-22[22]
Auch in weniger schweren FĂ€llen hat die Erkrankung erheblichen Einfluss auf das körperliche und seelische Befinden der Betroffenen. Die Erkrankung beeintrĂ€chtigt zwar nicht direkt die Fruchtbarkeit, diese steht aber unter dem Einfluss der Auswirkungen genitaler GeschwĂŒre und der psychischen Belastung durch die Krankheit. Es gibt keine Hinweise, dass sich die Erkrankung negativ auf die Schwangerschaft auswirkt.cite-ref-23[23]
Therapie
Da die Erkrankung hĂ€ufig in ihrer Anfangsphase am schwersten ist und mit der Zeit ausklingt, ist die Therapie tendenziell nach der Erstdiagnose am intensivsten, wĂ€hrend im spĂ€teren Krankheitsverlauf fĂŒr viele Patienten keine Therapie mehr notwendig ist. Es gibt keine Standardtherapie: welche Mittel gewĂ€hlt werden, ist von der Schwere der Symptome, den betroffenen Organsystemen und auch den örtlichen Gegebenheiten in den verschiedenen LĂ€ndern abhĂ€ngig.cite-ref-nrdp-2021-24-0[24] Gute Therapiestudien fehlen hĂ€ufig, sodass viele Empfehlungen auf Expertenmeinungen beruhen. Grundbaustein der medikamentösen Therapie ist die Beeinflussung des Immunsystems. Generell gilt, dass EntzĂŒndungen der Netzhaut, arterielle Aneurysmen, arterielle Vaskulitis und der Neuro-Behçet wegen ihrer potentiell schweren Folgen aggressiver therapiert werden. Zur UnterdrĂŒckung des Immunsystems (Immunsuppression) werden unter anderem Glucocorticoide wie Prednisolon und andere Immunsuppressiva wie Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil, Ciclosporin und Methotrexat, TNF-Blocker wie Infliximab und andere monoklonale Antikörper wie Rituximab und Alemtuzumab genutzt.cite-ref-25[25] Bei Aphthen und GelenkentzĂŒndungen wird hĂ€ufig Colchicin genutzt. Eine neue Therapieoption ist Apremilast, das als eines von wenigen Medikamenten in einer Phase-II-Studie erprobtcite-ref-26[26] wurde und Wirksamkeit zeigte. Bei Beteiligung des Magen-Darm-Traktes wird hĂ€ufig in Analogie zum Morbus Crohn Mesalazin eingesetzt.cite-ref-nrdp-2021-24-1[24] Neben der von der KrankheitsausprĂ€gung abhĂ€ngigen immunsuppressiven Therapie können weitere MaĂnahmen wie Schmerztherapie oder die lokale Behandlung von Hautsymptomen und der Aphthen sinnvoll sein.cite-ref-27[27] Zur Anwendung kommen auch Cyclophosphamid, Interferone und Dapson.cite-ref-zahn-18-1[18] Bei schwerwiegenden Komplikationen, also rasch wachsende Aneurysmen und die Folgen von Fisteln und Perforationen im Magen-Darm-Trakt, können operative Eingriffe notwendig sein. Diese sollen mit starker Immunsuppression begleitet werden.cite-ref-28[28]
Historische Aspekte
Die Krankheit ist nach dem tĂŒrkischen Hautarzt Hulusi Behçet benannt, der 1937 die drei Symptome der oralen und genitalen Aphthen mit einer RegenbogenhautentzĂŒndung mit Hypopyon als Syndrom veröffentlichte und damit als eigenstĂ€ndiges Krankheitsbild auffasste.cite-ref-29[29] Allerdings beschrieb der griechische Augenarzt Benediktos Adamantiades schon 1930 einen Fall von Iritis mit rezidivierendem Hypopyon und den typischen oralen und genitalen Aphthen. Er schlug vor, die beobachteten Symptome als Syndrom anzusehen.cite-ref-30[30] In den 1950er Jahren fĂŒgte er dem Symptomkomplex weitere Symptome wie Thrombophlebitiden hinzu.cite-ref-31[31] Ihm zu Ehren und wegen dieser Arbeiten wurde spĂ€ter die Krankheit als Morbus Adamantiades-Behçet in das deutsche und in das griechische Register sowie auch in das National Registry for Rare Disorders (NORD) in den USA eingetragen (englisch Adamantiades-Behçet Disease (ABD)).cite-ref-tsakiris-32-0[32]
Abgesehen von diesen Beschreibungen finden sich in der Medizingeschichte immer wieder Beschreibungen von KrankheitsfÀllen, die dem Morbus Behçet zugeordnet werden können. Die Àlteste stammt vermutlich aus der Antike von Hippokrates von Kos.cite-ref-33[33]
Literatur
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Weblinks
Commons
: Morbus Behçet
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą S2k-Leitlinie (Langversion), Diagnostik und Therapieoptionen von Aphthen und aphthoiden LĂ€sionen der Mund- und Rachenschleimhaut (PDF) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Stand: November 2016. Abgerufen am 11. November 2017.
âą UniversitĂ€t TĂŒbingen: Behçet Syndrom (Syn.: M. Adamantiades-Behçet)
âą Ole Daniel Enersen: Behçetâs syndrome' (Memento vom 25. MĂ€rz 2025 im Internet Archive) bei whonamedit.com
âą Fallbericht eines lange unerkannten M. Behçet: Merinopoulos D, Saada J et al.: Pattern recognition is a sequential processâaccurate diagnosis and treatment 20 years after presentation. Oxford Medical Case Reports 2019 (7), Juli 2019, DOI:10.1093/omcr/omz058, mit deutschsprachiger Aufbereitung des Falls bei Spiegel online
Einzelnachweise
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cite-note-2828. â Jagdish R. Nair, Robert J. Moots: Behçetâs Disease. In: Clinical Medicine, 17, Nr. 1, 2017, S. 75, ISSN 1470-2118; clinmed.rcpjournal.org (Memento des Originals vom 20. Juli 2018 im Internet Archive; PDF; 126 kB) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.clinmed.rcpjournal.org
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cite-note-tsakiris-3232. â Kleonikos A. Tsakiris: Bibliography of Benediktos F. Adamantiades. In: Archiwum historii i filozofii medycyny. Band 79, Winter 2016, S. 8â15. (online)
cite-note-3333. â Ina Kötter: Ăber Morbus Behçet. Archiviert vom Original am 22. Dezember 2017; abgerufen am 8. Oktober 2017. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.behcet-zentrum.de